Der Portikus ist am Freitagabend wieder am Bayerischen Bahnhof angedockt. Um exakt 20.41 Uhr und 20 Sekunden zerschellte eine Sektflasche, die zwischen dem Portal und dem Gebäude angebracht war - das Tor war angekommen. Etwa 600 Menschen verfolgten das Spektakel und spendeten spontan Applaus, wie Jörg Puchmüller, Sprecher des Sächsischen Wirtschaftsministeriums, erklärte. Dann wurde ein Feuerwerk gezündet.
Mit etwa vier Metern pro Stunde bewegte sich der Portikus seit den frühen Nachmittagsstunden kontinuierlich auf sein Ziel zu. Um 13.16 Uhr hatten Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP), Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) und Bahn-Konzernbevollmächtigter Artur Stempel symbolisch den Startknopf für die Rückreise betätigt. Rund 350 Schaulustige verfolgten, wie das Tor für das Auge kaum sichtbar die ersten Zentimeter zurücklegte. Dann wanderte der 2800-Tonnen-Koloss gut 30 Meter in Richtung Westen. Dort steht das 166 Jahre Gebäudeteil nun wieder an seinem angestammten Platz neben der ehemaligen Bahnhofshalle und heutigem Gasthaus.
Kaspar Bartl senior erwartete einen Rücktransport ohne Komplikationen. Der 59 Jahre alte Bayer aus der Nähe von Bad Tölz ist Experte für das Verschieben von Bauwerken. Jahrelang war er Fachmann beim Bauriesen Holzmann. Nach der Pleite des Unternehmens machte er sich selbstständig und verrückt fortan vorrangig Brücken Meter für Meter. Der Portikus bereitete Bartl senior keine Probleme. "Mein Sohn ist bereits seit Montag in Leipzig und trifft die Vorbereitungen", berichtete der Fachmann vorab.
Wie schon beim Hintransport im April 2006, um Baufreiheit für den City-Tunnel zu schaffen, wurden wieder zwei mit Teflon beschichtete Gleitbahnen errichtet, darauf alle zehn Meter Widerlager aus Stahl eingebaut. Daran wurden vier Zylinderpressen installiert, die das Schwergewicht ziehen sollten. Diese Widerlager mussten für eine freie Bahn mit Schneidbrennern abgebrochen werden, sobald der Portikus sie erreicht hatte. Während der Arbeiten wurde das Bauwerk mit Mess-Sensoren überwacht, um bei Schräglagen schon von wenigen Zentimetern schnell reagieren zu können.
Heikel könne nur der letzte von vier Abschnitten werden. Dann, wenn der Portikus genau an die Stelle wieder angeschlossen wird, an der er vor gut drei Jahren vom Brauhaus abgesägt wurde. Bartl gab sich gelassen und rechnete auch bei dieser Millimeterarbeit mit keinen Komplikationen.
Alles nach Plan, bestätigte Puchmüller dann am Freitagabend: "Zwar mussten mit Hand und Meißel ein paar Millimeter abgetragen werden, aber dann hat alles gepasst". Die Mitarbeiter der Baufirma feierten ihren Erfolg gleich vor Ort in der Grube am Bayrischen Bahnhof. Übers Wochenende bleibt dann erst einmal alles, wie es ist, bevor am Montag die Rückbauarbeiten beginnen. Die Schienen werden demontiert, nur die Hebeeinrichtung bleibt noch weitere drei Wochen stehen. In diesem Zeitraum wird der Kolloss überwacht, damit bei eventuellen Setzungen schnell reagiert werden kann, so Puchmüller.
Unklar sind noch immer die Kosten für den City-Tunnel. "Nach aktuellen Berechnungen kostet der Tunnel 893 Millionen Euro." Das sagte der damalige sächsische Wirtschaftsstaatssekretär Hartmut Mangold vor sechs Wochen. Doch das ist überholt. Denn nun ist eingetreten, was Mangold und die Verantwortlichen des Projektsteuerers Deges im September als schlimmsten Fall befürchtet hatten. Am letzten Tag der Widerspruchsfrist hat ein unterlegener Bieter Beschwerde zu einem Großauftrag beim Innenausbau der Stationen eingelegt. "Die Sache liegt jetzt beim Oberlandesgericht in Düsseldorf", sagte Puchmüller.
Das Mega-Projekt sollte ursprünglich 572 Millionen Euro kosten und im Dezember 2009 eröffnet werden. Vor vier Wochen informierten die Bauherren jedoch über enorme Kostensteigerungen und erklärten zugleich, dass der (schon mehrfach verschobene) Fertigstellungstermin im Dezember 2012 womöglich ins Wanken gerät. Grund dafür sei eine Auftragsvergabe "im zweistelligen Millionenbereich", die zum Beispiel Fliesen, Fahrstühle und Rolltreppen betrifft, so Deges-Geschäftsführer Dirk Brandenburger, der das Projekt steuert.
Ein unterlegener Bieter hatte hierzu einen Nachprüfungsauftrag bei der Vergabekammer des Bundeskartellamtes eingereicht. "Falls die Entscheidung zu unseren Gunsten ausfällt, hängt anschließend alles davon ab, ob die Gegenseite vor Gericht zieht", sagte Brandenburger. Wenn das passiere, sei der Termin Ende 2012 geplatzt. Dann könnten die ersten Züge erst im Dezember 2013 durch Leipzigs neue U-Bahn brausen.
Tatsächlich ist es nun genau so gekommen. Zwar wies die Vergabekammer in Bonn das Ersuchen der leer ausgegangenen Firma in vollem Umfang zurück. Doch dieses Unternehmen zog 13 Tage später vor Gericht. Die Deges kann daher den Auftrag zum Stationsausbau nicht mehr "bis Anfang Oktober" auslösen, was bislang als letzte Chance für 2012 galt.
Matthias Roth, Christiane Lösch, LVZ-Online / Jens Rometsch
© LVZ-Online, 30.10.2009, 23:27 Uhr


